„Photokatalytische CX-Bindungsspaltung erleichtert die Peptidsynthese“
Heute stellen wir Ihnen einen Forschungsartikel des Teams um Professor Ping Wang vor, der im Journal of the American Chemical Society veröffentlicht wurde. In dieser Studie wurde eine neuartige Plattform für die Festphasen-Peptidsynthese (SPPS) auf Basis der Fmoc/Pyridinylmethyl-Chemie (Fmoc/Pic) entwickelt. Durch die photokatalytische Spaltung von CX-Bindungen (X = O, N, S) mit sichtbarem Licht ermöglicht diese Plattform die effiziente und orthogonale Abspaltung von Aminosäureseitenketten unter milden, trifluoressigsäurefreien Bedingungen. Dies bietet eine revolutionäre Lösung für die nachhaltige und effiziente Synthese von Peptidtherapeutika.
01 Forschungshintergrund
Die Festphasen-Peptidsynthese (SPPS) ist die Kerntechnologie für die Herstellung moderner Peptidwirkstoffe (z. B. Tirzepatid). Seit über zwei Jahrzehnten gilt die Fmoc/tert-Butyl-Strategie (Fmoc/tBu) als Goldstandard der Branche. Ihr letzter Schritt basiert auf der Verwendung der starken Säure Trifluoressigsäure (TFA) zur globalen Abspaltung der Seitenkettenschutzgruppen. TFA ist jedoch eine schwer recycelbare „Ewigkeitschemikalie“, die eine erhebliche Umweltbelastung darstellt und in Regionen wie der Europäischen Union potenziellen Beschränkungen unterliegt. Darüber hinaus können hydrophobe Schutzgruppen wie tBu während der Synthese zur Aggregation von Peptidketten führen, und die stark sauren Bedingungen der TFA können verschiedene Nebenreaktionen auslösen, wie z. B. den Abbau säureempfindlicher N-methylierter Peptide und Schwierigkeiten bei der Abspaltung von Phenylgruppen von phosphoryliertem Tyrosin. Dies schränkt die Synthese komplexer funktioneller Peptide ein. Daher ist die Entwicklung eines neuen SPPS-Paradigmas, das auf TFA verzichtet, unter milden Bedingungen arbeitet und dennoch hocheffizient ist, dringend erforderlich.
02 Innovative Highlights
- Pionierarbeit auf Basis einer photokatalytischen CX-Bindungsspaltung als SPPS-Plattform: Die Pyridinylmethyl (Pic)-Schutzgruppe wurde erstmals systematisch auf Aminosäureseitenketten angewendet. Dabei wurde die Photokatalyse mit sichtbarem Licht (z. B. mit Ru(bpy)₃Cl₂) genutzt, um eine milde (pH 5,0, Raumtemperatur), schnelle (20-30 Minuten) Spaltung von CO-, CN- und CS-Bindungen zu erreichen, wodurch der Einsatz von TFA vollständig vermieden wurde.
- „Zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen“ – Design eines photolabilen Linkers: Es wurde ein neuartiger photolabiler Linker (Diphenyl(4-pyridinyl)methyl) entwickelt, der die gleichzeitige Abspaltung der Peptidkette vom Harz und die globale Entschützung der Seitenketten bei Lichteinstrahlung ermöglicht und so einen vollständig säurefreien Prozess von der Synthese bis zum Endprodukt gewährleistet.
- Nahtlose Integration mit automatisierten Synthesizern: Durch die Integration eines Photodeprotektionsmoduls in einen kommerziellen automatisierten Peptidsynthesizer wurde erstmals eine vollautomatische, TFA-freie Peptidsynthese erreicht, die Kettenverlängerung, photolytische Deprotektion und Peptid-Harz-Spaltung umfasst und die Syntheseeffizienz und -zugänglichkeit deutlich erhöht.
03 Ergebnisse und Diskussion
3.1 Gestaltung und Prinzip des neuen Paradigmas
Die Studie verglich zunächst die Kernkonzepte der traditionellen Fmoc/tBu-Strategie und der neuartigen Fmoc/Pic-Strategie (Abbildung 1). Die traditionelle Methode nutzt die chemische Energie von TFA zur Spaltung von CX-Bindungen, während die neue Methode durch Photokatalyse erzeugte Reduktionsmittel verwendet, die über einen Einzelelektronentransfer ein Pyridinium-Ion-Zwischenprodukt auslösen, um die Bindung zwischen der Pic-Gruppe und dem Heteroatom effizient zu spalten.

Abbildung 1. Die Spaltung der Kohlenstoff-Heteroatom-Bindung ermöglicht die Peptidsynthese mittels Photoredoxkatalyse unter sichtbarem Licht.
3.2 Optimierung der Bedingungen und Allgemeingültigkeit von Pic-geschützten Aminosäuren
Anhand eines Modellsubstrats (Pic-geschütztes Serin) wurden die Bedingungen für die Photodeprotektion systematisch optimiert. Die optimalen Bedingungen wurden wie folgt ermittelt: PBS/MeOH-Gemisch (pH 5,0), Ascorbinsäure als Reduktionsmittel, Ru(bpy)₃Cl₂ als Katalysator und Bestrahlung mit einer Kompaktleuchtstofflampe (CFL) für 20 Minuten, wodurch ein quantitativer Umsatz erzielt wurde. Die Studie zeigte, dass die Protonierung des Pyridins (unter sauren Bedingungen) entscheidend für die Erhöhung seines Reduktionspotenzials und damit für den Reaktionsablauf ist.
Anschließend wurde die Pic-Gruppe und ihre Derivate (z. B. Dmpic, Picoc) erfolgreich zum Schutz der Seitenketten einer Reihe von Standardaminosäuren (wie Asparaginsäure, Arginin, Lysin) und nicht-natürlichen Aminosäuren, einschließlich phosphorylierter Aminosäuren, eingesetzt (Abbildung 2). Alle Pic-geschützten Aminosäuren konnten effizient im Gramm- bis Hunderte-Gramm-Maßstab hergestellt und unter Standardbedingungen der Photolyse mit hoher Ausbeute (ca. 90 %) deprotektiert werden, was eine ausgezeichnete Toleranz gegenüber funktionellen Gruppen und eine hohe Praktikabilität belegt.

Abbildung 2. Anwendungsbereich und Photodeprotektionseffizienz von picolylgeschützten Aminosäurebausteinen.
3.3 Validierung der Synthese mit komplexen, biologisch aktiven Peptiden
Mithilfe der Fmoc/Pic-Strategie wurden in dieser Studie verschiedene C-terminale Amidpeptide (19–27) mit signifikanter biologischer Aktivität synthetisiert, darunter Octreotid (20), Oxytocin (21) sowie mittellange Peptide mit über 10 Pic-Gruppen, wie beispielsweise Lachscalcitonin (24) und Pramlintid (26) (Abbildung 3). Im Vergleich zu Peptiden, die mit der traditionellen Fmoc/tBu-Strategie synthetisiert wurden, wiesen die mit der neuen Methode hergestellten Peptide eine deutlich reduzierte Hydrophobizität auf, was die Löslichkeit verbessert und Nebenreaktionen wie die Oxidation empfindlicher Aminosäurereste wie Methionin erfolgreich verhindert.

Abbildung 3. Die Synthese von amidterminierten Peptiden mittels einer Fmoc/Pic-basierten SPPS-Strategie mit Sieber-Harzen.
3.4 Realisierung einer vollautomatisierten TFA-freien Peptidsynthese
Ein zentrales Forschungsergebnis war die vollautomatisierte Synthese. Durch die Entwicklung des photolabilen Linkers und die Optimierung der Festphasen-Photodeprotektionsbedingungen (z. B. Lösungsmittel, Harz) integrierten die Forscher eine Lichtquelle in einen automatisierten Synthesizer (Abbildung 4). Dies ermöglichte die „Ein-Klick“-Synthese von C-terminalen Carbonsäurepeptiden (28–38). So synthetisierten sie beispielsweise erfolgreich das phosphorylierte Tyrosinkinase-Peptid 3 (38) und überwanden damit die Herausforderungen der schwierigen Deprotektion und der geringen Ausbeute, die bei traditionellen Methoden mit der Phosphatgruppe verbunden sind.

Abbildung 4. Vollautomatische Synthese von Carbonsäure-terminierten Peptiden mit modifizierten Rink-Amid-AM-Harzen.
04 Schlussfolgerung und Zukunftsperspektiven
Diese Studie entwickelte erfolgreich eine revolutionäre Fmoc/Pic-Festphasenpeptidsynthese-Plattform (SPPS), die die Abhängigkeit von Trifluoressigsäure (TFA) und die damit verbundenen Umwelt- und Syntheseprobleme der traditionellen Fmoc/tert-Butyl-Strategie grundlegend überwindet. Dies gelingt durch die Nutzung der sichtlichtphotokatalytischen CX-Bindungsspaltung. Die Plattform bietet herausragende Vorteile wie milde Reaktionsbedingungen, weniger Nebenreaktionen, Anwendbarkeit auf komplexe Peptidsequenzen und die perfekte Integration in automatisierte Anlagen. Diese Arbeit ebnet nicht nur einen neuen Weg für die umweltfreundliche und nachhaltige Produktion von Peptidtherapeutika, sondern ihre zentrale photokatalytische Entschützungschemie birgt auch vielversprechende Möglichkeiten für die präzise Synthese anderer komplexer Moleküle. Zukünftige Forschungsrichtungen, die Beachtung verdienen, umfassen die Validierung dieser Technologie für die Produktion in klinischer Qualität, ihre Erweiterung auf die Synthese sehr langer Peptide oder Proteine sowie die weitere Senkung der Produktionskosten.
Originalartikel:
Bai H, Ye F, Purnachandar D, et al. Photocatalytic C–X Bond Cleavage Facilitates Peptide Synthesis[J]. Journal of the American Chemical Society, 2025, 147(37): 34011-34018.






